Kunstausstellung

Gilbert & George: “Jack Freak Pictures”

Die Galerie Arndt & Partner zeigt noch bis zum 18. September 2009 die Ausstellung der Künstler Gilbert & George “Jack Freak Pictures” in der Halle am Wasser (Hamburger Bahnhof) in Berlin.

Nachdem die im Januar zu Ende gegangene Retrospektive von Gilbert & George während ihrer Tour nicht in Berlin gezeigt wurde, freuen sich Arndt & Partner um so mehr, eine Einzelausstellung des weltweit gefeierten Künstlerduos in ihren Räumen hinter dem Hamburger Bahnhof präsentieren zu dürfen. Es ist Gilbert & Georges erste Einzelschau in Berlin seit 14 Jahren. Gezeigt wird eine Auswahl von 20 großformatigen Bildern aus ihrer aktuellen, bislang größten Werkgruppe Jack Freak Pictures. Die inhaltliche Stoßrichtung geben die einen Großteil der Arbeiten dominierenden Farben und Formen der Union Jack Flagge sowie die wiederkehrenden Motive von Abzeichen, Medaillen und Bäumen an. Die Künstler reflektieren darin über Formen nationalen Stolzes und das Subjekt in den Netzen gesellschaftlicher Realität. In seinem Essay in dem die Ausstellung begleitenden Katalog beschreibt der britische Schriftsteller Michael Bracewell die neuen Arbeiten als „die philosophisch ausgeklügeltsten und visuell gewalttätigsten Werke, die Gilbert & George jemals geschaffen haben […]”.

Gilbert & George lernten sich während ihres Studiums der Bildhauerei an der St. Martin’s School of Art in London kennen. Sie begannen ihre gemeinsame künstlerische Karriere vor 42 Jahren u.a. mit Videos und Zeichnung und revolutionierten den Begriff Skulptur, indem sie sich selbst als Kunstwerk inszenierten und – im traditionell britischen Stil mit Maßanzug, Hemd und Krawatte gekleidet – als “Living Sculptures“ auftraten. Internationalen Ruhm erlangte das Künstlerduo mit seinen seit den frühen 1970er Jahren entstehenden monumentalen Wandarbeiten, die – aus kleineren rasterartig angeordneten Bildern zusammengesetzt – bald zu ihrem Markenzeichen wurden. Figuren, Stadtansichten, Symbole, Pflanzen, Körperausscheidungen und Schrift verzahnen sich darin zu provokativen Bildbotschaften von radikaler, visueller Durchschlagkraft. Die anfänglich schwarz-weiß gehaltenen, später in zunehmend plakativen, leuchtenden Farben gestalteten Kompositionen, die fast immer vom fotografischen Abbild der eigenen Körper ausgehen, umkreisen kompromisslos und ohne jede Furcht vor Selbstentblößung tabuisierte Themen wie Sexualität, Rasse, Religion und nationale Identifikation.

Auch in den Jack Freak Pictures sind die Gesichter oder Körper der Künstler selbst anwesend. Sie fungieren als stilisierte Stellvertreter des sozialen Individuums, dessen Verhältnis zu gesellschaftlichen Normen und Kategorien, zu nationaler, religiöser und sexueller Identitätsbildung Gilbert & George durchleuchten und kommentieren. Im Unterschied zu den früheren Werkserien, zerlegte das Künstlerduo bei einigen der neuen Arbeiten das Ausgangsmaterial in deutlich kleinere Realitätsfragmente, bevor es sie zu neuen Bildgegenständen zusammenfügte. Das Ergebnis ist eine raffinierte kaleidoskopische Kreuzung aus monströser Groteske und einer an sakrale Ornamentik erinnernde Filigranität. Zu immer neuen Variationen ordnen Gilbert & George die Fragmente und Zeichen des sozialen Lebens, wie sie sie in ihrer Nachbarschaft im multikulturellen Londoner East End vorfinden und die von Solidarität und Freundschaft oder umgekehrt von Intoleranz und Ausgrenzung zeugen.

GILBERT & GEORGE
Gilbert, geboren 1943 in den Ladiner Dolomiten, Italien, studierte an der Kunstschule Wolkenstein, Südtirol, der Kunstschule Hallein, Österreich, sowie an der Akademie der Bildenden Künste, München, bevor er die Londoner St. Martin’s School of Art besuchte. George, geboren 1942 in Devon, England, studierte am Dartington Hall College of Art, der Oxford Art School und der St. Martin’s School of Art, wo er Gilbert 1967 in der Bildhauerklasse von Anthony Caro kennen lernte. Seitdem leben und arbeiten sie gemeinsam in London.

Die Künstler blicken auf zahlreiche Auszeichnungen und institutionelle Ausstellungen zurück: 1986 erhielten sie den Turner Prize, für den sie zwei Jahre zuvor schon einmal nominiert gewesen waren. 2005 bespielten sie den Britischen Pavillon auf der 51.

Venedig Biennale. Einzelausstellungen widmeten ihnen das Stedelijk Museum, Amsterdam (1971 und 1996), das Guggenheim Museum, New York (1985), die Wiener Secession (1992), die National Art Gallery, Beijing (1993), das Musée d’Art Moderne de la Ville, Paris (1997), das Kunstmuseum Bonn (1999), die Serpentine Gallery, London (2002), und das Bonnefanten Museum, Maastricht (2006). Ihre zweite Retrospektive, die u.a. in der Tate Modern, London (2007), und im Haus der Kunst, München (2007), Station machte, war bis Anfang dieses Jahres im Brooklyn Museum, New York, zu sehen.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Farbabbildungen aller Arbeiten und einem Essay von Michael Bracewell im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern.

Zeitgleich zur Ausstellung erscheint der Film “With Gilbert & George” . Mehr dazu hier.

Gilbert & George: “Jack Freak Pictures”
13. Juni – 18. September 2009
Arndt & Partner, Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin

Freitag, 17. Juli 2009 von Ricardo F