Kunstausstellung

Martin-Gropius-Bau Berlin - Herlinde Koelbl

Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt ab dem 17. Juli 2009 zum ersten Mal eine Werkschau der deutschen Fotokünstlerin Herlinde Koelbl.

Viele kennen die Serien „Spuren der Macht“, ihre „Jüdischen Porträts“ oder ihre Serien „Wohnzimmer“ und „Schlafzimmer“. Aber das sind nur Ausschnitte. Noch nie war Koelbls Werk in der ganzen Vielfalt zu sehen – von den Reportagefotos über die berühmten Porträts bis hin zu abstrakten Arbeiten. Es wird Neues und Experimentelles zu entdecken sein. 450 Fotografien aus dreißig Jahren werden in Berlin ausgestellt, viele zum ersten Mal.

Herlinde Koelbl. Fotografien 1976 - 2009
17. Juli bis 1. November 2009
Die Eröffnung findet am Donnerstag, den 16. Juli 2009, um 18 Uhr im Martin-Gropius-Bau statt.
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, D-10963 Berlin
URL: http://www.gropiusbau.de

Öffnungszeiten:
Täglich 10 – 20 Uhr geöffnet, auch an Feiertagen, ab Oktober Dienstag geschlossen

Eintritt:
8 € / ermäßigt 6 €
Gruppen (ab 10 Personen) p.P. 6 €
Schüler- und Studentengruppen (über 16 Jahre, ab 5 Personen) p.P. 3 €
Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre freier Eintritt
Führungen
Öffentliche Führungen : Samstag 16 Uhr p.P. 3 € zzgl. Eintritt p.P. 6 €
Angemeldete Führungen für Gruppen und Schulklassen, Gruppen: Führungen (60 min.) 50 € zzgl. Eintritt p.P. 6 €, Führungen für Schüler- und Studentengruppen (60 min.) 40 € zzgl. Eintritt von p.P. 3 €
Anmeldung für Führungen: MuseumsInformation Berlin, Tel. (030) 24749-888; Fax (030) 24749-883, .(Javascript muss akziviert sein, um diese -MAil-Adresse zu sehen), http://www.kulturprojekte-berlin.de

Galerie


Was den Menschen treibt
Zu den Fotografien von Herlinde Koelbl 1976-2009 „Menschen sind unberechenbar“, hat Herlinde Koelbl einmal auf die Frage geantwortet, warum sie eigentlich keine Berge oder Landschaften fotografiere. Vielleicht lässt sich aus diesem Satz schon erkennen, was die Arbeit dieser großen deutschen Fotokünstlerin so besonders macht: Sie will Menschen begreifen, verstehen, etwas darüber erfahren, wie sie leben, womit sie sich umgeben, wo der Schein steckt und wo das Sein, was sie empor reißt und niederschmettert. Ihre Bilder sind intensive Erlebnisse, weil sie aus einem wirklichen Interesse und einer Neugier für das Gegenüber entstehen und der Respekt vor dem Leben der Anderen immer spürbar bleibt.

In dieser Fotografie wird niemand bloß gestellt, aber er wird hartnäckig und fordernd befragt. Das gilt für Gerhard Schröder genauso wie für ein Ehepaar in ihrem Wohnzimmer. Herlinde Koelbl schreibt seit nunmehr über dreißig Jahren an einem großen Roman unserer Epoche. Kapitel um Kapitel fügt sie hinzu, und es scheint, als seien all ihre Projekte Teile einer Kette. Zum ersten Mal ist nun im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Ausstellung zu sehen, die die Arbeit von Herlinde Koelbl in ihrer ganzen Breite zeigt. Bislang kannte man ihr Werk allenfalls ausschnitthaft. Neben Ikonen der Porträtfotografie wird es auch viel Überraschendes und Experimentelles geben. Eigentlich ist sie durch einen Zufall zur Fotografie gekommen. 1976 schenkt ihr ein Freund vier Filme, mit denen sie ihre Kinder beim Spielen fotografiert. Sie merkt sehr schnell: Das ist ihr Medium. Zeit, um über Vorbilder nachzudenken, nimmt sie sich nicht. Sie möchte nicht gefangen sein in einem Stil, sondern schnell zur eigenen Handschrift gelangen. Schritt für Schritt rüstet sie technisch auf, weiß aber von Anbeginn, was sie besonders interessieren wird: Lebens- und Verhaltensmuster. Wenig später erscheint ihre erste Farbreportage über bayerische Märkte im „stern“. 1980 blickt sie fast ethnologisch in die gute Stube der Deutschen, das Wohnzimmer, „in das man die Welt hineinbittet, um ihr zu zeigen, was man hat“. Wer die Idee anfänglich für banal hält, wird bald mit Aufnahmen konfrontiert, die viel über Menschen in Räume erzählen, die ihre Wohnzimmer oft genug für andere eingerichtet haben, als Statussymbole, als Kulissen des Aufstiegs und Chiffren der Zugehörigkeit. Fast ein Pendant dazu ist ihre „photographische Reise durch Schlafzimmer“, die später entsteht und sie rund um den Globus führen wird. Auch diese Blicke in die intimsten Winkel sind weder voyeuristisch noch belustigend, sondern von einer Gabe des unverkrampften Schilderns. Herlinde Koelbl erfasst wie nur wenige andere Fotografen die Persönlichkeit eines Menschen, weil sie nach den Spuren im Umfeld, im Alltag, natürlich auch an und in den Porträtierten sucht.

Und wenn das Objektiv dann doch nicht reicht, greift sie zum Tonband oder zur Filmkamera, um für sich die einzig nur gültige Frage zu beantworten: Wer ist das? Auf grandiose Weise gelingt ihr das in den „Jüdischen Portraits“, an denen sie fünf Jahre lang arbeitet. Lange vor Steven Spielberg erzählt sie die Geschichte der Überlebenden des Holocaust: der Jüngste ist 70, der Älteste 94. „Diese Serie ist ein Markstein für mein persönliches Leben. In den Gesichtern habe ich soviel Spuren von einem schwierigen Leben entdeckt, soviel Traurigkeit, aber auch soviel Weisheit und Bescheidenheit“, sagt Herlinde Koelbl. Bei ihren Gesprächen erfährt sie von den furchtbaren Schicksalen, erlebt aber bei Erika Landau oder Norbert Elias, bei Josef Tal oder George Tabori, was es heißt, ohne Verbitterung und ohne Hass zu leben. „Hass“, sagt Erika Landau, „zerstört einen selbst. Er wirkt wie ein Bumerang“. Dankbar wird sie sein für diese Begegnungen, die ihr einiges abverlangen. Mit Bruno Kreisky und Josef Tal wird sie Freundschaft schließen, weil sich dem ersten Gespräch viele, viele weitere anschließen. Glücksmomente ihres Berufes. Die erste Überblicksausstellung in Deutschland wird versuchen, das Phänomen Herlinde Koelbl näher zu beleuchten. Das geht nicht chronologisch, sondern nur thematisch. Wer mit ihr über Themen wie Behausungen, Einsamkeit, Arbeit oder Gewalt spricht, merkt schnell, dass sie eigentlich eine Konzeptkünstlerin im besten Sinne ist. Was sie an Mitteln braucht, um ihre Aussage zu untermauern, das nimmt sie sich. Und sie wagt ständig Neues, probiert sich aus, testet Ideen auf Praktikabilität. Fast unbekannt sind ihre abstrakten Arbeiten, die die Spuren der Vergänglichkeit betonen – Risse in einer Straßendecke oder Stücke von verkohltem Holz mit faszinierenden Mustern. Spuren von der Schönheit der Dinge, die immer wieder in ihrem Werk auftauchen. „Mein Denken“, sagt sie, „war immer vorausschauend, dafür habe ich mir meine eigenen Maßstäbe gesetzt, mir erlaubt, Dinge anders zu denken. Wenn ein Künstler danach schielt, wie etwas ankommt, dann ist er schon verloren.

 

 

Donnerstag, 16. Juli 2009 von Peter M